MyOldtimer ist eine Plattform für das etwas andere Carsharing. Das Startup wurde von Cristiano Ramos und seinem Team mit Unterstützung vom Institut für Jungunternehmen gegründet. Der Mitgründer und ehemalige Student der Hochschule Luzern hat sich in einem telefonischen Interview zur Verfügung gestellt, meine Fragen zur neuen Plattform zu beantworten.

MyOldtimer ist seit einigen Tagen online. Wie lange hat es von der Idee bis zum Launch der Seite gedauert?

C. R.: Da steckt schon einiges an Vorbereitungszeit dahinter. Alles in Allem schätzungsweise ein Jahr. Am Anfang war die Idee. Irgendwann haben wir beschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen. Potenzielle Kunden wurden gefragt, was sie von der Idee halten, damit wir den Markt kennenlernen und sehen, ob ein Bedürfnis besteht. Das Schwierigste war, einen Versicherungspartner zu finden. Leute, die eine Vermittlungsplattform nutzen, möchten eine gewisse Sicherheit haben. Uns ist es ebenso wichtig, dass die gemieteten Fahrzeuge umfassend versichert sind. Darum war unser Anspruch, dass wir einen geeigneten Versicherungspartner haben. Wir waren mit unterschiedlichen Versicherungsunternehmen in der Schweiz im Gespräch. Viele Versicherungen hatten gar kein passendes Angebot, wie wir es für unser Vorhaben brauchten, in ihrem Portfolio. Mit der Baloise haben wir schlussendlich eine sehr kompetente Partnerin gefunden, die als einzige Versicherung eine voll digitale Lösung anbietet. Wir konnten so vieles online abwickeln, und mussten uns nicht unbedingt physisch treffen, was vor allem während dem Testen der Plattform hilfreich war. Zudem bietet die Baloise seit Kurzem ein neuartiges, auf solche Sharing-Plattformen zugeschnittenes Versicherungsprodukt an, das unsere Bedürfnisse optimal abdeckt. Wir sind sehr zufrieden mit der Partnerschaft der Baloise.

Ihr habt euren Versicherungspartner gut sichtbar auf der Seite positioniert. Auch bei Plattformen wie Sharely sieht man auf den ersten Blick, dass angebotene Gegenstände über eine Versicherung abgedeckt sind. Warum ist das so wichtig, dass ihr euch so intensiv darum gekümmert habt, einen guten Partner mit der perfekten Versicherungslösung zu finden?

Screenshot der Website myoldtimer.fun vom 21.08.2020

C. R.: Das ist auf jeden Fall ein Anspruch, den unsere Kunden haben. Wenn ich mein Fahrzeug jemandem gebe, dann möchte ich die Sicherheit, dass es in guten Händen ist, falls etwas passiert. Vor allem bei Oldtimern, Youngtimern und anderen Liebhaberfahrzeugen ist das sehr wichtig. Da steckt auch noch ein emotionaler Wert drin, der oft sogar noch grösser ist als der finanzielle. Darum möchte man, dass das Fahrzeug dann auch in guten Händen ist, wenn man es zur Vermietung anbietet.

Du hast gerade Oldtimer und Youngtimer erwähnt. Kannst du mir erklären, was diese Begriffe bedeuten?

C. R.: Oldtimer sind, Verkehrsrechtlich gesehen, Fahrzeuge, die schon 30 Jahre oder älter sind. Youngtimer sind zwischen 20 und 30.

Damit sind also alle Autos bei euch willkommen, die als Liebhaberstücke angeschafft wurden und nicht für den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen. Habt Ihr persönlich einen Zugang zu solchen besonderen Autos?

C. R.: Ja, der Porsche 911, mit dem alles angefangen hat, gehört mir. Er war das erste Fahrzeug auf der Plattform. Meine Kollegen haben dann auch angefangen, ihre Autos online zu stellen. So haben wir angefangen zu wachsen. Erst gerade gestern hat jemand einen Rolls Royce aus 1959 inseriert. Das ist bisher wohl das wertvollste Auto, das wir auf der Plattform haben.

Also ist jemand, der einen Rolls Royce besitzt, bereits auf euch gestossen und findet eure Plattform eine gute Idee?

C. R.: Entweder er ist tatsächlich von selber darauf gestossen, oder die Werbung hat funktioniert. Wir haben die Webseite in letzter Zeit über verschiedene Kanäle, insbesondere Social Media, beworben. Vermutlich war das der Grund.

Das klingt nach sehr gezieltem Marketing. Wie sieht eure Zielgruppe denn aus?

C. R.: Wir haben zwei Zielgruppen. Zum einen die Vermieter, das sind häufig Personen, die entweder ein Fahrzeug geerbt haben, oder sich ein spezielles Fahrzeug geleistet haben. Zum anderen Personen, die gerne ein solches Fahrzeug nutzen möchten, aber es sich entweder nicht leisten können oder wollen. Für einige bedeutet auch der Unterhalt zu viel Aufwand. Altersmässig sprechen wir alle Personen ab 18 an.

In dem Bericht über euch auf startupszene.ch wird gesagt, dass ihr das «Airbnb für Oldtimer» seid. War Airbnb ein Vorbild für euch?

C. R.: Airbnb wurde einfach als Referenz gewählt, weil es ein Fall ist, den jeder kennt. Die Gemeinsamkeit ist, dass es darum geht, dass Privatpersonen einander etwas zur Verfügung stellen. Vom Geschäftsmodell ist es sehr vergleichbar.

(Anm.: nach der Typologie der Hochschule Luzern ist MyOldtimer im Peer Ownership Sharing einzuordnen. Privatpersonen vermieten etwas an andere Privatpersonen und die Plattform vermittelt nur. Airbnb funktioniert nach demselben Prinzip.)

Es ist also eine Plattform, wie Airbnb, aber für ein sehr spezielles Gut, das geteilt wird. Und es gibt noch eine Besonderheit: Man kann aus drei Optionen wählen, wie man ein Fahrzeug über die Plattform mieten möchte: selber fahren, sich chauffieren lassen, und die Miete für kommerzielle Zwecke. Das klingt sehr spezifisch. Warum gerade diese drei Kategorien?

C. R.:  Ganz am Anfang wollten wir in Oldtimer, Youngtimer und Newtimer unterteilen. Davon kamen wir aber weg. Für die meisten spielt das eine untergeordnete Rolle, wie wir schnell festgestellt haben. Wir erwarten, dass die Miete zum selberfahren den grössten Teil der Buchungen ausmachen wird. An zweiter Stelle kommt das Mieten von Fahrzeugen, um sich chauffieren zu lassen. Hier werden Fahrzeuge gleich mit einem Chauffeur gemietet, etwa für Hochzeiten oder für Erlebnisfahrten. Und die dritte Kategorie, kommerziell, ist für die Leute gedacht, welche die Fahrzeuge zum Fotografieren oder Filmen nutzen wollen, zum Beispiel Filmstudios oder Fotografen. Es kann also sein, dass ein solches Auto auch mal in einem Film auftaucht.

Und für die Kategorien nach Alter habt ihr einen ganz einfachen Filter eingebaut, mit dem man nach bestimmten Jahrgängen suchen kann.

C. R.: Das haben wir eingebaut, falls jemand nach einem Fahrzeug aus einem bestimmten Jahrgang oder Zeitraum suchen möchte. Die Filter haben wir aber bewusst simpel gehalten. Man kann den Zeitraum und den Preisrahmen festlegen und auswählen, ob man ein Schaltgetriebe oder Automatikgetriebe möchte. Andere Plattformen bieten Filterfunktionen nach Herstellern oder bestimmten Ländern an, wenn man beispielsweise Deutsche oder Amerikanische Oldtimer sucht. Darauf haben wir bewusst verzichtet.

Das Mieten ist also relativ simpel. Wie holt ihr die Anbietenden ab? Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es auf einer solchen Plattform für besondere Fahrzeuge viel schwieriger ist, Leute zum Anbieten zu bewegen als auf einer «regulären» Carsharing-Plattform.

C. R.: Das ist auf jeden Fall so. Viele Leute haben gewisse Vorbehalte, ein Fahrzeug dieser Art in fremde Hände zu geben. Wir sind aber der Meinung, dass sowas gesellschaftlich immer mehr anerkannt wird. Vor 10 Jahren hätten wir das Projekt so nicht umsetzen können. Damals gab es noch keine Sharing Economy wie heute. Jetzt treffen wir den Nerv der Zeit. Wir haben bereits diverse Leute, die ihre Liebhaberfahrzeuge auf unserer Plattform teilen.

Dein Porsche 911 war das erste Fahrzeug auf der Plattform. Was hat dich dazu bewogen, ihn zu inserieren? Hast du nicht Angst, dass jemand nicht sorgfältig damit umgeht?

C. R.: Nein, überhaupt nicht. Er wurde ja bereits vermietet, und das hat sehr gut funktioniert. Es ist auch so, dass ältere Fahrzeug nicht ausserordentlich viel Leistung haben. Es gibt Fahrzeuge, die viel mehr Leistung haben, dort geht eher mal was kaputt oder sie werden für Sachen eingesetzt, für die sie eigentlich nicht vorgesehen wären. Bei Oldtimern ist eigentlich gut, dass sie nicht viele PS haben, dann passiert sowas nicht. Wenn etwas kaputtgeht, ist das auch meist ein mechanisches Problem, das sich einfach lösen lässt. Ich habe mal gesehen, wie jemand die Zündung eines Ford Modell A mit Blechstreifen geflickt hat. Bei neuen Fahrzeugen ist noch viel Elektronik im Spiel, die fehleranfälliger sein kann.

Und wenn dann doch mal was passiert, habt ihr ja euren Versicherungspartner.

C. R.: Genau, und dazu kommt, dass unsere MyOldtimer-Basler-Versicherungslösung auch Veruntreuung abdeckt.

Was bedeutet das?

C. R.: Wenn ich jemandem den Schlüssel zu meinem Auto gebe und die Person fährt weg und kommt nicht zurück, denken viele, das sei ein Diebstahl. Aber die Versicherungen machen da einen Unterschied. Ein Diebstahl ist, wenn jemand beispielsweise ein Auto aufbricht und kurzschliesst. Wenn ich als Besitzer jemandem den Schlüssel gebe und das Auto dann weg ist, nennt man das aber Veruntreuung. Viele Anbieter decken diesen Fall nicht ab. Das ist auf jeden Fall ein grosser Vorteil, den wir bieten. Unsere Versicherung ist generell sehr umfangreich, auch was die versicherten Fahrzeugkategorien betrifft. Wir haben Autos, Lieferwägen, Wohnmobile, und sogar Motorräder abgedeckt. Alles bis 7.5 Tonnen ist versichert. Bei anderen Plattformen sind teilweise nur PKWs versichert.

Ich habe gesehen, dass ihr auch VW-Busse auf der Plattform habt, da scheint also tatsächlich Bedarf nach dieser umfangreichen Versicherung vorhanden zu sein. Das bringt mich gleich zu einem weiteren Vergleich mit anderen Plattformen.

Bei den meisten Carsharing-Plattformen scheint einer der Hauptgründe für das Anbieten des eigenen Autos ein finanzieller zu sein. Man möchte die Kosten mit anderen teilen und das eigene Auto so nicht alleine finanzieren. Hast du eine Theorie, was bei Oldtimern und anderen Liebhaberfahrzeugen der Grund zum Teilen sein könnte?

C. R.: Einer der Hauptgründe ist sicher, dass die Standzeit reduziert werden kann. Viele dieser Fahrzeuge stehen praktisch nur in einer Garage. In einem Artikel habe ich kürzlich gelesen, dass sie im Schnitt eine Betriebsdauer von 50-60 Stunden pro Jahr haben. Sie werden oft auch weniger als 1’000 km pro Jahr bewegt. Das ist schade. Eigentlich ist das dann ein Stück Kulturerbe, das man versteckt hält. Man vermietet das Fahrzeug, damit es bewegt wird. Ein stehendes Fahrzeug kann unter Umständen mehr Kosten verursachen als eines, welches man regelmässig bewegt. Dem wollen wir entgegenwirken.

Also ist es doch irgendwie auch eine Art finanzieller Aspekt, weil man so die Standschäden vermeiden kann. Spielt die Freude am Fahrzeug auch eine Rolle?

C. R.: Auf jeden Fall, Emotionen spielen hier auch eine wichtige Rolle. Es sind keine Fahrzeuge, die einem einfach von A nach B bringen. Dafür gibt es andere Plattformen. Bei uns geht es um die Community und um einzigartige Erlebnisse mit einzigartigen Fahrzeugen. Deswegen sind unsere Vermietungen auch auf Tagesbasis. Wir hätten schon die Möglichkeit gehabt, die Mietdauer auf Stundenbasis festzulegen. Aber wenn man ein solches Fahrzeug ausleiht, braucht man immer mehr Zeit als man zuerst denkt.

Glaubst du, dass Schweizerinnen und Schweizer Leute sind, die im Allgemeinen gerne teilen?

C. R.: Ich denke, dass die Sharing-Economy in der Schweiz schon recht fortgeschritten ist. Wir nehmen dennoch eine gewisse Vorreiterrolle in unserem Bereich ein. Die Sharing-Economy ist etwas, das stetig wächst und sich inzwischen in verschiedenen Bereichen etabliert hat. Man sieht das ja auch auf dem Sharing-Monitor, es kommen laufend neue Player auf den Markt. Es findet auch eine gesellschaftliche Veränderung statt. Früher war Besitz viel wichtiger als heute. Bei den jüngeren Generationen steht der Besitz nicht mehr so stark im Vordergrund. Man möchte etwas für eine bestimmte Zeit nutzen, Umtrieb, administrativer Aufwand und Fixkosten jedoch vermeiden. Immer öfter steht heute die Flexibilität im Vordergrund, um auf sich ändernde Bedürfnisse einzugehen.  Hier bietet sich das Mieten anstelle eines Kaufs an.

Spannend, dass du den Besitz ansprichst. In unserem Forschungsteam reden wir auch oft darüber, dass Besitz früher ein Statussymbol war, das jetzt in den jüngeren Generationen langsam weniger wichtig wird. Jungen Menschen geht es eher um Erlebnisse als um Besitz. Man möchte nicht einen Oldtimer besitzen, sondern einfach mal einen Tag lang mit einem gefahren sein. Man gibt lieber immer mal wieder ein bisschen Geld aus, um verschiedene Dinge zu erleben, als eine grosse Menge, um eine Sache zu besitzen.

C. R.: Das stimmt, ich sehe es ja selber, dass man je länger je mehr weg vom Besitz, und dafür hin zur Nutzung eines Produktes kommt. Dann und solang wie man es eben braucht.

Dann habt ihr den Zeitgeist ja gut getroffen. Habt ihr schon eine Vision, wie es weitergeht? Wo seht ihr die Plattform in 5-10 Jahren?

C. R.: Die Frage beantworte ich heute definitiv anders als ich das vor Corona getan hätte. Wir wollten mit dem Launch schon im Frühling loslegen, hörten aber von anderen Plattformen, dass sie stark getroffen wurden und Kurzarbeit anmelden mussten. Da dachten wir, der Zeitpunkt ist schlecht. Wir haben also gewartet und die Plattform noch optimiert. Jetzt, wo sich die Lage langsam normalisiert, dachten wir, dass wir es wagen können. Eigentlich planten wir auch, an diversen Messen teilzunehmen. Wir hätten unsere Plattform gerne gezeigt und Werbung gemacht. Aber viele Messen wurden jetzt ja abgesagt. Im Herbst sind einige geplant, an denen wir auch teilnehmen möchten. Das Ziel für die Zukunft ist, die Anzahl Fahrzeuge von Jahr zu Jahr zu verdreifachen. Ursprünglich wollten wir bis Ende Jahr 60 Fahrzeuge auf der Plattform haben, diese Erwartung müssen wir wohl anpassen.

Und es wird bestimmt eine Weile dauern, bis sich alles normalisiert hat.

C. R.: Das auf jeden Fall. Unser Ziel für die Zukunft ist aber trotzdem, die Nummer eins in der Schweiz für einzigartige Fahrzeuge zu werden.

Wie sieht denn die Konkurrenz aus? Gibt es viele Angebote wie eures?

C. R.: In der Form und der Nische, in der wir uns jetzt bewegen, gibt es kaum solche Angebote. Das war auch der Grund, warum wir das Projekt realisiert haben. Es gibt klassische Carsharing-Plattformen, die haben aber einen anderen Fokus. Dort geht es darum, effizient und günstig von A nach B zu kommen. Auf der anderen Seite gibt es Anbieter, die sich auf gewisse Fahrzeuge spezialisieren. Direkte Konkurrenz haben wir nicht, eher indirekte.

Also könnte ich auch eine Kleinanzeige schalten und meinen Oldtimer so vermieten, er wäre dann unter Umständen einfach nicht versichert?

C. R.: Viele sind sich dessen gar nicht bewusst: Wenn man ein Fahrzeug privat vermietet, ist es oft nicht versichert. Das müsste man in der eigenen Police nachsehen. Das ist dann eine «entgeltliche Vermietung» und müsste explizit erwähnt sein.

Vom Business abschalten, auf andere Gedanken kommen – das macht Cristiano Ramos gerne auf dem Motorrad.

Und der andere Nachteil bei einer Vermietung, die ich nicht über eine dafür vorgesehene Plattform mache, ist, dass ich keine Ahnung habe, dass das Angebot existiert, wenn ich nicht genau danach suche.

C.R.: Genau, da wollen wir auch eine helfende Hand bieten. In Zürich stehen einige Oldtimer, die in Kleinanzeigen angepriesen werden, wenn man aber nicht in Zürich sucht, findet man sie nicht. Wir sind gesamtschweizerisch, also kann auch jemand aus Basel ohne Aufwand ein Auto aus Zürich finden. Die Chance, gefunden zu werden, ist so viel grösser.

Damit habt ihr dann wohl tatsächlich eine gute Nische gefunden. Da ist einiges an spannenden Inputs zusammengekommen, vielen Dank für deine Zeit und hoffen wir, dass ihr eure Ziele langfristig erreicht.

Neu findet ihr MyOldtimer unter der Sharing-Map bei den standortunabhängigen Verleihangeboten. Würdet ihr euer Liebhaberauto vermieten? Lasst es uns in den Kommentaren wissen.

Titelbild: JayMantri auf Pixabay

Beitragsbilder: von MyOldtimer zur Verfügung gestellt

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